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Von Favoriten nach Meidling: Mein Kulturschock beim Umzug innerhalb Wiens

  • vor 14 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die ziehen von Wien nach Berlin und berichten von Kulturschock. Andere gehen nach Bali und finden sich plötzlich selbst. Ich hingegen habe etwas viel Mutigeres getan: Ich bin von Favoriten nach Meidling übersiedelt. Und wenn du jetzt denkst, das sei ein Umzug von A nach B gewesen – nein. Das war eine Auswanderung. Mit allem, was dazugehört. Nur ohne Visum.



Von Favoriten nach Meidling


Favoriten: Mein persönlicher Hochgeschwindigkeits-Start ins Leben

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich meine Zelte in Favoriten, genauer gesagt nahe der Quellenstraße, abgebrochen habe. Und wer die Gegend kennt, weiß: Das ist kein Ort, das ist ein Zustand. Ein Dauerzustand. Hupen, Rufen, Geschäftigkeit, als hätte jemand den Pausenknopf der Stadt einfach entfernt.


Die Quellenstraße war kein Zuhause, sie war ein Erlebnispark. Ein auditiver. Zwischen Straßenbahn, Menschenmengen und dem Gefühl, dass immer irgendwo jemand gerade sehr laut telefoniert oder diskutiert – bevorzugt gleichzeitig – war Ruhe dort ungefähr so wahrscheinlich wie ein Parkplatz direkt vor der Haustür.


Und dann natürlich der Viktor-Adler-Markt. Ein Ort, an dem das Leben pulsiert, dampft, brutzelt und manchmal auch schreit. Balkan-Grill, Kebabstände, Cevapcici, die dich schon aus zehn Metern Entfernung anlächeln, und eine Vielfalt an Sprachen, bei der du das Gefühl hast, du hast gerade drei Kontinente durchquert, ohne den Bezirk zu verlassen.



Von Favoriten nach Meidling


Kulinarisch? Ein Traum. Kulturell? Eine Wucht. Entspannt? Eher nicht.


Der Umzug: Vom Dauerfeuer zur Gemütlichkeit

Dann kam der große Schritt: Meidling.


Ich erinnere mich noch an meinen ersten Abend. Ich stand auf der Straße, hörte… nichts. Also wirklich nichts. Kein Hupen, kein Geschrei, keine spontane Diskussion über Gott und die Welt mitten auf der Kreuzung. Ich dachte kurz, ich hätte einen Hörsturz.


Stattdessen: Ruhe. Menschen, die tatsächlich gehen, ohne zu drängeln. Autos, die nicht klingen, als hätten sie ein persönliches Problem mit der Welt. Und vor allem: Zeit. Plötzlich hatte alles Zeit.


Kulinarischer Kulturschock – vom Grill zur Gabel

Auch kulinarisch war es, als hätte ich die Landesgrenze überquert.


In Favoriten: Schnell, würzig, laut, direkt. Ein Kebab hier, ein Teller Cevapcici dort, und alles begleitet von einer gewissen Energie, die sagt: „Iss schnell, das Leben wartet nicht.“


In Meidling hingegen: Wiener Gemütlichkeit. Saftgulasch, das aussieht, als hätte es Stunden über sein Leben nachgedacht. Beuschel, bei dem du dir nicht ganz sicher bist, ob du es verstehst – aber irgendwie respektierst du es. Und dann natürlich die Kaffeehauskultur.



Von Favoriten nach Meidling


Plötzlich sitzt du da. Mit einem Kaffee. Und der Kaffee sitzt auch da. Und niemand hat es eilig. Es ist, als wäre Zeit hier ein Vorschlag und keine Verpflichtung.


Der Meidlinger Markt: Vom Puls zum Herzschlag

Und dann der Vergleich der Märkte.


Der Viktor-Adler-Markt ist wie ein Festival. Laut, lebendig, intensiv. Du gehst hin und kommst mit drei Einkaufstaschen, zwei neuen Bekanntschaften und einem leichten Hörschaden zurück.



Von Favoriten nach Meidling


Der Meidlinger Markt dagegen ist… gemütlich. Fast schon charmant. Hier schlendert man. Man kauft nicht hektisch ein, man entdeckt. Man plaudert. Man überlegt. Und manchmal kauft man Dinge, von denen man nicht wusste, dass man sie braucht – aber hier fühlt es sich richtig an.


Warum der Kulturschock so heftig war

Rückblickend muss ich ehrlich sagen: Der Kulturschock war vielleicht auch deshalb so extrem, weil ich eben nicht irgendwo in Favoriten gewohnt habe – sondern mitten im Epizentrum. Die Quellenstraße ist kein sanfter Einstieg in den Bezirk, sie ist die volle Dröhnung.


Wenn du von dort kommst, wirkt selbst ein durchschnittlicher Wiener Straßenzug plötzlich wie ein Kurort.



Von Favoriten nach Meidling


Fazit: Ich habe Wien neu entdeckt

Heute, ein Jahr später, kann ich sagen: Ich habe Wien nicht verlassen – ich habe es neu kennengelernt.


Favoriten war laut, wild, direkt und ehrlich. Meidling ist ruhiger, gemütlicher und irgendwie… gelassener. Beides hat seinen Charme. Beides hat seine Eigenheiten.


Aber dieser Umzug hat mir gezeigt, dass man nicht ans andere Ende der Welt reisen muss, um einen Kulturschock zu erleben.


Manchmal reicht es, einfach den Bezirk zu wechseln.

 
 
 

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