„50 ist das neue 20“ – wer hat sich diesen Blödsinn eigentlich ausgedacht?
- vor 2 Tagen
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Es gibt ja diese Sätze, die klingen einfach gut. So geschniegelt, geschniegelt optimistisch, ein bisschen wie ein Werbeslogan für Vitaminpräparate oder Fitnessstudios mit Monatsabo. „50 ist das neue 20“ gehört genau in diese Kategorie. Und jedes Mal, wenn ich das höre, denke ich mir: Aha. Interessant. Hat das schon mal jemand gesagt, der tatsächlich 50 ist?
Ich meine, ich verstehe schon, woher das kommt. Man will sich und anderen Mut machen. Man will zeigen, dass das Leben nicht vorbei ist, nur weil da vorne plötzlich eine 5 steht. Alles richtig. Nur hat das mit der Realität ungefähr so viel zu tun wie die Vorstellung, dass man mit einem guten Vorsatz im Jänner automatisch sportlich bleibt bis Dezember.

Denn wenn wir ehrlich sind: Mit 50 ist der Körper kein stiller Mitläufer mehr, sondern ein ziemlich aktiver Gesprächspartner geworden. Einer, der sich ungefragt meldet. Der Rücken zum Beispiel. Früher war der einfach da. Heute hat er eine Meinung. Und zwar zu allem. Man bückt sich einmal falsch – nicht einmal spektakulär, einfach nur so ein ganz normaler Alltagsgriff – und plötzlich fühlt es sich an, als hätte man beim Umzug geholfen. Und das Beste daran: Es bleibt. Es geht nicht einfach wieder weg, nur weil man eine Nacht darüber schläft. Es zieht sich, im wahrsten Sinne des Wortes.
Überhaupt, dieses Thema Regeneration. Mit 20 war das kein Thema. Da war das eher so ein automatischer Hintergrundprozess. Heute ist das eher ein Projekt mit unklarem Zeitplan. Man merkt plötzlich, dass der Körper Dinge nicht mehr kommentarlos hinnimmt. Er verlangt Aufmerksamkeit. Und wenn man sie ihm nicht gibt, dann erinnert er einen – ziemlich konsequent.
Und dann diese kleinen Veränderungen, die sich so schleichend einschleichen, dass man sie erst bemerkt, wenn sie schon längst da sind. Haare zum Beispiel. Oben werden sie weniger, dafür entdeckt man an Stellen neue, an denen man sie wirklich nicht bestellt hat. Man steht vor dem Spiegel und denkt sich: Das ist jetzt also der neue Verteilungsplan.
Parallel dazu entwickelt man eine ganz neue Beziehung zu Themen, die früher irgendwo zwischen „betrifft mich nicht“ und „klingt nach Biounterricht“ angesiedelt waren. Blutdruck. Cholesterin. Werte, die plötzlich nicht mehr abstrakt sind. Man hört zu, wenn der Arzt etwas erklärt. Man nickt sogar. Früher hätte man wahrscheinlich nur darauf gewartet, wieder gehen zu können.

Und fast noch spannender ist das, was im Kopf passiert. Da verschiebt sich etwas. Nicht laut, nicht dramatisch, aber deutlich. Man wird ruhiger in vielen Dingen, gleichzeitig aber auch klarer. Und man ertappt sich bei Sätzen, bei denen man früher vermutlich die Augen verdreht hätte. Zum Beispiel bei Dauerregen. Mit 20: „Was für ein Sauwetter.“ Mit 50: „Die Natur braucht das.“ Und während man das sagt, merkt man selbst, dass da irgendetwas passiert ist.
Das alles heißt ja nicht, dass mit 50 alles schlechter ist. Überhaupt nicht. Vieles ist sogar besser. Man weiß mehr, man versteht mehr, man lässt sich weniger leicht aus der Ruhe bringen. Aber genau deshalb braucht es diesen Vergleich mit 20 nicht. Er passt einfach nicht.
50 ist nicht das neue 20. 50 ist 50. Mit einem Körper, der sich meldet, mit kleinen und größeren Veränderungen, mit mehr Bewusstsein für sich selbst – und ja, auch mit einer gewissen Gelassenheit, die man mit 20 noch gar nicht haben konnte.
Und vielleicht liegt genau darin der Punkt: Man muss das gar nicht umdeuten oder schöner reden, als es ist. Es reicht völlig, es so zu nehmen, wie es ist. Auch wenn man sich dabei manchmal ein bisschen vorsichtiger aus dem Sessel hochdrückt als früher.



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