WM-Fieber in Wien: Sieg der Türkei, Chaos in Favoriten - die Quellenstraße im Ausnahmezustand
- Jürgen Baumelt

- vor 14 Stunden
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Schon bald startet die Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Und wenn große Fußballturniere anstehen, verändert sich in manchen Stadtteilen der Takt des Alltags spürbar. Plötzlich ist nicht mehr die Straßenbahn der zuverlässigste Taktgeber, sondern der Spielplan. Und sobald ein entscheidendes Spiel gewonnen wurde, übernimmt draußen etwas anderes die Regie: Emotionen auf Rädern, auf Gehsteigen und in sehr vielen geöffneten Autofenstern.
Ich muss ehrlich sagen: Ich bin froh, heute nicht mehr in Favoriten zu wohnen. Das hat weniger mit dem Bezirk selbst zu tun – sondern mehr mit dem, was dort während großer Turniere zuverlässig passiert. (Und ganz grundsätzlich auch nicht nur wegen ein paar Spielen im Jahr, sondern weil ich insgesamt einfach mehr Ruhe im Alltag schätze und mir diesen Dauerlärm, egal zu welchem Anlass, nicht mehr dauerhaft geben möchte.)
Wer schon einmal eine erfolgreiche Phase einer stark unterstützten Nationalmannschaft dort miterlebt hat, kennt das Bild: Ein Spiel endet, die Nachricht verbreitet sich schneller als jedes Ergebnisportal, und innerhalb kürzester Zeit wird aus ruhigen Straßen ein improvisiertes Freiluft-Fanlager.
Die Quellenstraße bekommt dann ihre ganz eigene Interpretation von „Verkehrsfluss“. Autos bewegen sich nicht mehr, sie zelebrieren. Hupen wird nicht mehr als Warnsignal verwendet, sondern als musikalisches Grundelement eines spontanen Straßenorchesters. Dazu kommen Fahnen aus Autofenstern, Musik, die eindeutig nicht für Zimmerlautstärke erfunden wurde, und Menschen, die ihre Freude so ausdrücken, als gäbe es kein Morgen und keine Nachbarn.
Und genau da beginnt der Teil, den man je nach Perspektive entweder als lebendige Stadtkultur oder als akustische Grenzerfahrung beschreibt.
Ich erinnere mich gut an diese Abende: Man sitzt eigentlich gerade beim Runterkommen, vielleicht mit einem ruhigen Gedanken an den nächsten Tag, und plötzlich kippt die Atmosphäre im Viertel komplett. Erst ein einzelnes Hupen in der Ferne, dann ein zweites, dann eine Art koordinierter Klangteppich, der sich langsam die Straße entlangarbeitet. Man merkt: Jetzt ist es wieder so weit.

Die große Frage, die sich dabei viele stellen, ist natürlich, wie man selbst dazu steht, wenn eine Mannschaft – in diesem Fall oft die türkische Nationalmannschaft – ein wichtiges Spiel gewinnt. In einem so vielfältigen Bezirk wie Favoriten ist die Antwort darauf alles andere als einheitlich. Es gibt Begeisterung, Gleichgültigkeit, echte Fußballleidenschaft unabhängig von Herkunft, und auch Menschen, die einfach nur hoffen, dass der Abend ohne zusätzliche Dezibel endet.
Aber unabhängig von persönlichen Sympathien bleibt ein gemeinsamer Nenner: Wenn gefeiert wird, dann wird dort intensiv gefeiert. Nicht subtil, nicht leise, sondern in einer Form, die sich im gesamten Grätzel bemerkbar macht.
Für manche ist genau das der Charme solcher Stadtteile. Dieses Gefühl, dass man mitten in etwas steckt, das größer ist als der eigene Balkon. Für andere ist es eher ein Test der eigenen Geduld und der Fähigkeit, bei geschlossenen Fenstern noch an innere Ruhe zu glauben.
Ich persönlich habe irgendwann gemerkt: Es gibt zwei Arten, das zu erleben. Entweder man wird Teil der Geräuschkulisse, ob man will oder nicht – oder man zieht weiter an einen Ort, an dem der einzige Autokorso ein paar ganz normale Lieferwagen sind, die ab und zu durch die Straße rollen.
Und genau deshalb wirkt der Rückblick heute so klar: Es hat durchaus seinen eigenen, sehr speziellen Charme gehabt, aber auch eine ziemlich verlässliche Konsequenz. Sobald der Sieg der türkischen Mannschaft gesichert ist, gehört die Quellenstraße nicht mehr dem Alltag, sondern dem Ausnahmezustand.
Heute beobachte ich das eher aus der Distanz – mit einem gewissen Schmunzeln und dem beruhigenden Gedanken, dass mein Abend inzwischen wieder genau so laut ist, wie ich ihn selbst gestalte.



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