Endgültig gelöscht – und es fühlt sich verdammt gut an
- Jürgen Baumelt
- vor 15 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Es gibt diesen Moment, in dem man auf „Bestätigen“ klickt und weiß: Das war’s jetzt. Kein „Vielleicht doch nochmal einloggen“, kein „Ich schau nur kurz, was die anderen machen“. Vor über 30 Tagen habe ich genau diesen Knopf gedrückt – nicht halbherzig, nicht als digitale Trotzreaktion, sondern bewusst. Facebook, Instagram und Co sollten nicht nur schlafen gehen. Ich habe ihnen den Stecker gezogen. Komplett. Endgültig. Mit Ansage.
Natürlich läuft das nicht wie ein dramatischer Filmabgang mit knallender Tür. Eher wie ein bürokratischer Abschied: „Ihr Konto wird in 30 Tagen gelöscht.“ Dreißig Tage Schwebezustand. Dreißig Tage, in denen man theoretisch zurück könnte. So eine Art digitale Gnadenfrist. Und ich gebe zu: Ein ganz kleiner Teil von mir war neugierig, ob ich schwach werde. Ob ich irgendwann nachts um halb zwei denke: „Ach komm, nur einmal noch durchscrollen…“
Spoiler: Nein.

Stattdessen passierte etwas Unerwartetes. Es wurde… ruhig. Kein Dauerrauschen mehr. Keine Push-Nachrichten, die mir sagen, wer gerade wo seinen Kaffee fotografiert hat oder wessen Katze heute besonders philosophisch schaut. Kein unterschwelliger Druck, selbst irgendetwas posten zu müssen, nur um sichtbar zu bleiben. Diese seltsame Mischung aus Bedeutungslosigkeit und Dauerpräsenz fiel einfach weg.
Und dann, gestern, war es so weit. Der Tag X. Die Frist ist abgelaufen. Die Profile? Weg. Nicht deaktiviert, nicht versteckt, nicht „ich könnte ja jederzeit zurück“. Gelöscht. Ausradiert. Digitale Existenz beendet.
Und jetzt die große Frage: Bin ich traurig?
Ganz ehrlich? Kein bisschen.
Es fühlt sich eher an wie nach einem ausgiebigen Aufräumen. So ein Moment, in dem man den Müll runtergebracht hat, die Fenster offen stehen und man plötzlich wieder Platz hat. Platz im Kopf. Platz für eigene Gedanken. Platz für Dinge, die nicht darauf warten, geliked zu werden.
Was mich am meisten überrascht hat: Wie wenig ich vermisse. Kein Scrollen, kein Vergleichen, kein „Warum ist mein Leben gerade weniger spannend als das der anderen?“. Diese stille, permanente Bewertungsschleife – einfach weg. Und mit ihr auch dieses merkwürdige Gefühl, ständig irgendwo gleichzeitig sein zu müssen.
Meine Alternative? Dieses Tagebuch hier.
Kein Algorithmus, der entscheidet, ob mein Gedanke relevant genug ist. Keine Werbung, die sich zwischen meine Sätze drängt wie ein ungebetener Gast. Kein Zwang zur perfekten Inszenierung. Hier schreibe ich, wann ich will, wie ich will und vor allem: warum ich will.

Es ist fast schon altmodisch. Und genau das macht es so gut.
Ich bestimme das Tempo. Ich bestimme den Ton. Ich bestimme, ob ein Beitrag kurz, lang, chaotisch oder einfach nur ehrlich ist. Und wenn ich mal nichts schreibe, passiert… nichts. Kein Reichweitenabsturz, kein unsichtbares Ranking, das mich abstraft. Nur Ruhe.
Natürlich könnte man jetzt sagen: „Aber du bist ja trotzdem online.“ Stimmt. Aber es ist ein Unterschied, ob man Teil eines Systems ist, das ständig Aufmerksamkeit fordert – oder ob man sich seinen eigenen kleinen Raum schafft, in dem man einfach sein kann.
Die Löschung war kein Verlust. Sie war eher ein Schlussstrich unter etwas, das sich längst überlebt hatte.
Und das Beste daran? Es gibt wirklich kein Zurück.
Und das fühlt sich verdammt gut an.



Ich habe es oft versucht, die Neugier hat immer wieder gesiegt. Kurz vor den 30 Tagen habe ich mich nochmal eingeloggt. Vielleicht sollte ich als Alternative auch einen Blog öffnen. 🤔
Gratulation fürs Durchhalten 🥳