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Handtuch drauf, Hirn aus – Warum Liegenreservierer für mich das wahre Urlaubsübel sind

  • 12. März
  • 3 Min. Lesezeit

Es ist 6:47 Uhr. Die Sonne ist gerade erst dabei, sich über den Horizont zu schieben, der Kaffee im Hotelrestaurant schmeckt noch nach Schlaf und irgendwo kräht ein Hahn, der wahrscheinlich selbst nicht versteht, warum er schon wach ist. Und während normale Menschen sich noch einmal umdrehen, beginnt sie – die heimliche Königsdisziplin des All-Inclusive-Urlaubs: das Liegenreservieren.


Da schleichen sie. Mit halb geöffneten Augen, aber voll fokussiertem Blick. Bewaffnet mit Handtüchern, Büchern, Flip-Flops oder gleich ganzen Taschen. Sie bewegen sich durch die Anlage wie Elitesoldaten auf geheimer Mission. Ziel: die beste Liege. Am Pool. Im Schatten. Mit perfektem Winkel zur Poolbar. Und wehe, jemand kommt ihnen zuvor.



Handtuch drauf, Hirn aus – die Liegenreservierer


Ich kann das nicht ausstehen.

Nicht ein bisschen. Nicht „ach, ist halt so“. Nein, es ist für mich die vielleicht absurdeste, unnötigste und gleichzeitig nervigste Verhaltensweise, die der Mensch im Urlaub an den Tag legt.


Da fliegen morgens Handtücher auf Liegen, als wären es Flaggen auf neu entdecktem Land. „Hiermit erkläre ich diese Liege zu meinem Eigentum!“ – nur dass der Besitzer danach für die nächsten vier Stunden wieder verschwindet. Frühstück, Spaziergang, vielleicht noch ein kleines Nickerchen. Die Liege? Die bleibt brav reserviert. Für jemanden, der gerade garantiert nicht darauf liegt.


Und du? Du stehst da. Mit deinem Handtuch. Mit deinem guten Willen. Vielleicht auch mit deinem naiven Glauben, dass „Urlaub“ etwas mit Entspannung und Fairness zu tun hat. Du suchst. Du hoffst. Du schaust auf diese endlosen Reihen belegter, aber leerer Liegen und fragst dich ernsthaft: Wo sind diese ganzen Menschen eigentlich?

Antwort: Nicht hier.



Handtuch drauf, Hirn aus – die Liegenreservierer


Und genau das ist der Punkt. Es geht nicht ums Liegen. Es geht ums Besitzen. Ums Sichern. Ums „Ich könnte ja später wollen“. Es ist dieses tief verwurzelte Bedürfnis, sich etwas zu krallen, bevor es jemand anderes tut. Ganz egal, ob man es überhaupt gerade braucht.


Das Ganze hat etwas herrlich Ironisches. Menschen fahren in den Urlaub, um dem Stress zu entfliehen – und stehen dann früher auf als im Alltag, nur um eine bessere Liege zu ergattern. Herzlichen Glückwunsch. Ziel komplett verfehlt.


Am Strand ist es übrigens kein bisschen besser. Da wird nicht nur mit Handtüchern gearbeitet. Nein, hier kommt die erweiterte Version zum Einsatz: Sonnenschirm, Tasche, Buch, vielleicht noch ein halb leerer Becher – alles strategisch platziert. Eine Art temporäres Eigentumsrecht, das auf keinem Gesetz basiert, aber von allen stillschweigend akzeptiert wird.


Und wehe, du wagst es, eine dieser scheinbar verwaisten Liegen zu benutzen. Dann dauert es exakt so lange, bis der ursprüngliche „Besitzer“ aus dem Nichts auftaucht. Plötzlich ist er da. Wie aus dem Boden gewachsen. Mit einem Blick, der irgendwo zwischen Empörung und moralischer Überlegenheit schwankt.

„Die ist besetzt.“

Ach wirklich? Von wem? Dem Geist des Handtuchs?



Handtuch drauf, Hirn aus – die Liegenreservierer


Was mich daran am meisten stört, ist gar nicht die Tatsache, dass Liegen knapp sind. Das kann passieren. Das ist logisch. Was mich stört, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen glauben, sie hätten ein Anrecht auf mehr als alle anderen.


Es ist dieses kleine, aber feine „Ich zuerst“. Dieses Verhalten, das im Kleinen genau das widerspiegelt, was im Großen oft schiefläuft. Jeder schaut, dass er sich das Beste sichert – egal, ob es fair ist oder nicht.


Und ja, ich weiß. „Mach’s halt auch so.“ Könnte ich. Will ich aber nicht. Weil ich mich im Urlaub nicht wie ein Teilnehmer bei den Hunger Games fühlen möchte. Ich will keinen Wecker stellen, um mir eine Liege zu sichern. Ich will keinen inneren Kampf führen, ob ich jetzt auch anfangen soll, Handtücher strategisch zu platzieren.


Ich will einfach nur ankommen, mich hinlegen und entspannen. Ohne Taktik. Ohne Wettbewerb. Ohne dieses unterschwellige Gefühl, dass man eigentlich zu spät dran ist, obwohl der Tag gerade erst begonnen hat.



Handtuch drauf, Hirn aus – die Liegenreservierer


Vielleicht bin ich da altmodisch. Vielleicht auch einfach nur genervt.

Aber für mich sind Liegenreservierer das perfekte Beispiel dafür, wie Menschen selbst die entspannteste Situation unnötig kompliziert machen können. Aus einem simplen „Setz dich hin, wo Platz ist“ wird ein unausgesprochenes System voller Regeln, Erwartungen und stiller Konflikte.

Und ganz ehrlich: Wenn dein Urlaub davon abhängt, ob du die perfekte Liege bekommst, dann läuft vielleicht grundsätzlich etwas schief.


Ich werde weiterhin der Typ sein, der morgens gemütlich frühstückt, sich Zeit lässt und dann schaut, was frei ist. Und wenn nichts frei ist? Dann setze ich mich halt irgendwo anders hin. Oder gehe schwimmen. Oder trinke noch einen Kaffee.


Alles ist besser, als Teil dieses absurden Handtuch-Zirkus zu werden.

Denn eines ist sicher: Eine reservierte Liege macht den Urlaub nicht besser. Sie zeigt nur ziemlich deutlich, wie kaputt manche Menschen sind.

 
 
 

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