Vegan, laktosefrei und maximal kompliziert - einladen war früher einfacher
- Jürgen Baumelt

- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Neulich hatte ich eine dieser eigentlich ganz harmlosen Ideen: „Lad doch mal wieder Leute zum Essen ein.“ Gesagt, getan. Zwei Bekannte, ein Abend, ein Tisch – was soll schon schiefgehen?
Tja. Alles.
Denn was früher einfach war, ist heute ein organisatorisches Großprojekt mit emotionalem Beipackzettel. Der eine: laktoseintolerant. Der andere: überzeugter Veganer. Und ich? Stehe in der Küche und frage mich plötzlich, ob ich überhaupt noch irgendwas kochen darf, das nicht vorher einen Lebenslauf, eine Inhaltsstoffliste und eine ethische Absolution braucht.

Früher war das anders. Da hat man gekocht. Punkt. Es gab Essen, das wurde auf den Tisch gestellt, und dann wurde gegessen. Keine Rückfragen, keine Sonderwünsche, kein „Ist da vielleicht…?“ – es wurde einfach gegessen, was da war.
Ich habe früher alles gegessen. Und ehrlich gesagt: Ich weiß bis heute nicht, ob ich irgendwelche Unverträglichkeiten habe. Und ich will es auch gar nicht wissen. Wenn’s gut schmeckt, wird gegessen. Und wenn ich danach ein leichtes Bauchzwicken oder Dauerfurzen hatte – jo mei, dann war’s das halt wert. Hauptsache, es war gut.
Heute läuft das anders.
Heute sitzt du nicht mehr einfach gemütlich bei einem Glas Wein und überlegst dir, was du kochst. Heute führst du Vorgespräche. Fast wie ein Bewerbungsgespräch, nur dass es nicht um den Job geht, sondern um Nudeln.
„Isst du alles?“ „Ja, aber ohne Laktose.“ „Und du?“ „Ich bin vegan.“
Super. Also kein Käse, keine Sahne, keine Butter, kein Fleisch, keine Eier. Im Prinzip bleibt noch… Luft. Und Gewürze. Wobei – bei Gewürzen muss man ja auch schon wieder aufpassen.
Ich stand dann im Supermarkt und habe Dinge gekauft, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt. Laktosefreie Milch, vegane Ersatzprodukte, irgendwas auf Haferbasis, das aussieht wie Käse, aber keiner ist. Ich hatte kurz das Gefühl, ich bereite kein Abendessen vor, sondern nehme an einem Experiment teil.
Und dann kommt der Moment, in dem du kochst – und plötzlich hast du Angst.
Angst, dass du irgendwas falsch machst. Angst, dass irgendwo doch ein Tropfen Milch drin ist. Angst, dass jemand hungrig nach Hause geht, weil „das leider nicht geht“.
Ganz ehrlich: Früher war das entspannter. Da hat keiner gefragt, ob die Kuh glücklich war oder ob die Sahne laktosefrei ist. Da wurde gegessen, gelacht und vielleicht noch ein zweiter Teller geholt.

Heute sitzt du da und hoffst einfach, dass dein Essen alle Kriterien erfüllt – geschmacklich, moralisch und medizinisch.
Und das Verrückte ist: Ich verstehe es ja sogar.
Natürlich ist es wichtig, auf den eigenen Körper zu hören. Natürlich ist es legitim, sich bewusst zu ernähren. Und ja, ich nehme Rücksicht. Wirklich. Ich lade ja niemanden ein, damit er dann hungrig zuschauen muss.
Aber ein bisschen vermisse ich diese unkomplizierte Zeit.
Diese Zeit, in der Essen einfach Essen war. Ohne Kategorien. Ohne Einschränkungen. Ohne dieses Gefühl, dass man fast schon ein Zertifikat braucht, um jemanden bekochen zu dürfen.
Am Ende des Abends saßen wir übrigens alle am Tisch. Es wurde gegessen. Es wurde gelacht. Und – Überraschung – es hat sogar allen geschmeckt.
Und ich? Ich war einfach nur erleichtert, dass niemand nach dem ersten Bissen gesagt hat: „Ähm… bist du sicher, dass das wirklich vegan und laktosefrei ist?“
Seitdem weiß ich: Einladungen sind heute nichts mehr für zwischendurch. Sie brauchen Planung, Nerven – und im besten Fall ein bisschen Humor.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Zutat geworden.



Kommentare