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Weniger Freunde, mehr Ruhe – warum ich angefangen habe auszusortieren

  • Autorenbild: Jürgen Baumelt
    Jürgen Baumelt
  • 3. März
  • 3 Min. Lesezeit

Früher dachte ich, viele Freunde zu haben sei ein Zeichen dafür, dass ich alles richtig mache. Ein gut gefülltes Telefonbuch, volle Wochenenden, ständig irgendwo eingeladen – das war für mich so etwas wie ein sozialer Kontostand. Je höher, desto besser.


Heute weiß ich: Es war eher ein Zeichen dafür, dass ich lange nicht gelernt habe, Nein zu sagen.

Denn irgendwo zwischen „Man kennt sich halt schon ewig“ und „Ach, das gehört sich doch so“ habe ich Dinge aufrechterhalten, die längst nichts mehr mit echter Verbindung zu tun hatten. Freundschaften, die mehr Gewohnheit waren als echte Nähe. Gespräche, die sich wiederholt haben wie eine schlechte Serie, die man trotzdem weiter schaut, weil man schon so weit gekommen ist.



Weniger Freunde, mehr Ruhe


Und dann passiert etwas, das sich erst falsch anfühlt: Man fängt an auszusortieren.

Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher leise. Fast unspektakulär.


Man sagt seltener zu. Meldet sich nicht mehr sofort. Lässt Gespräche auslaufen, die sich schon lange leer angefühlt haben. Und plötzlich merkt man: Es geht gar nicht darum, dass sich Menschen von einem entfernen. Man selbst tritt einen Schritt zurück.

Und das ist ungewohnt.


Weil uns jahrelang eingeredet wurde, dass Freundschaften etwas sind, das man „pflegen“ muss – egal wie. Als wäre jede Verbindung automatisch wertvoll, nur weil sie existiert. Aber die Wahrheit ist: Nicht jede Freundschaft altert gut. Manche bleiben stehen. Manche entwickeln sich in völlig unterschiedliche Richtungen. Und manche… passen einfach nicht mehr.


Das Schwierigste daran ist nicht mal die Entscheidung. Es ist das schlechte Gewissen.

Dieses leise Gefühl, dass man unfair ist. Dass man sich „mehr Mühe geben müsste“. Dass man vielleicht zu streng ist. Aber wenn man ehrlich ist, geht es selten um Strenge. Es geht um Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.


Denn irgendwann fängt man an, nicht mehr nur zu merken, wer da ist – sondern wie man sich fühlt, nachdem man Zeit mit jemandem verbracht hat. Und das ist der Punkt, an dem sich alles verändert.



Weniger Freunde, mehr Ruhe


Es gibt diese Menschen, bei denen du gehst und dich leichter fühlst. Klarer. Irgendwie mehr bei dir. Und dann gibt es die anderen. Die, bei denen du danach das Gefühl hast, innerlich einmal komplett neu aufladen zu müssen – nur ohne Ladegerät.


Früher habe ich das ignoriert. Heute nehme ich es ernst.

Nicht, weil ich plötzlich weniger tolerant bin. Sondern weil meine Zeit und meine Energie begrenzter geworden sind. Und ehrlicherweise auch wertvoller.


Mit den Jahren merkt man nämlich: Es geht nicht mehr darum, überall dabei zu sein. Es geht darum, sich dort wohlzufühlen, wo man ist.


Und genau da kommt dieses „Aussortieren“ ins Spiel. Ein Wort, das hart klingt, fast ein bisschen kalt. Dabei ist es im Kern etwas ziemlich Ruhiges. Etwas Klares.

Es bedeutet nicht, dass man Menschen abwertet. Es bedeutet nur, dass man aufhört, sich selbst zu übergehen.


Man lässt Beziehungen los, die mehr Kraft kosten als sie geben. Man hört auf, Gespräche künstlich am Leben zu halten. Man akzeptiert, dass nicht jede Verbindung für die Ewigkeit gedacht ist – auch wenn sie sich mal so angefühlt hat.


Und das Interessante ist: Je weniger Platz man mit solchen Dingen füllt, desto mehr Raum entsteht für die, die wirklich bleiben.



Weniger Freunde, mehr Ruhe


Die Gespräche werden tiefer. Die Treffen ehrlicher. Und vor allem: seltener, aber besser.

Früher hatte ich mehr Kontakte. Mehr Namen, mehr Einladungen, mehr oberflächliche Verbindungen, mehr Treffen. Heute habe ich weniger davon – aber die, die da sind, fühlen sich echter an. Stabiler. Weniger anstrengend.


Es ist ein bisschen wie aufräumen. Anfangs denkt man, man verliert etwas. Am Ende merkt man, dass man eigentlich nur Platz geschaffen hat.

Platz für Ruhe. Für Klarheit. Für Menschen, bei denen man nicht überlegen muss, wie man sich gibt.


Ich habe heute weniger Freunde als früher.

Aber dafür deutlich weniger Gespräche, nach denen ich mich frage, warum ich eigentlich da war.

Und ganz ehrlich: Das fühlt sich nicht nach Verlust an.

Das fühlt sich nach Platz an.

 
 
 

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